05. Juni: Bozeman

Unsere heutige Weiterreise nach Butte führte uns über einen gewollten 100km-Umweg in das historische Virginia City und das direkt angrenzende Nevada City. Auf diese beiden Örtchen bin ich bei meiner umfassenden Google-Recherche nach schönen Sehenswürdigkeiten während der Reisevorbereitung gestoßen.
Virginia City ist die älteste und größte, in ihrer usprünglichen Wildwest-Form erhaltene „Stadt“ der Vereinigten Staaten, während Nevada City, ein kleiner Nachbarort, inzwischen zu einem Outdoor Museum herangewachsen ist mit einer Sammlung von etwa 100 Häusern aus der Zeit von 1863 bis Anfang 1900. Beide Orte waren von wesentlicher Bedeutung zur Zeit des Goldrauschs.

Um 11:30 Uhr erreichten wir Virginia City und parkten direkt neben der kleinen Trainstation. Virginia City und Nevada City sind mit etwa 1km Schmalspurgleisen verbunden, auf denen heute im Normalbetrieb eine kleine Westernlok mit Dieselmotor für Touristen pendelt (an hohen Feiertagen steht auch noch eine echte „große“ Dampflok im Museumszustand bereit, leider war heute kein solcher Feiertag 🙂 ). Da die 12:00 Uhr-Fahrt bereits voll war, buchten wir für 13:00 Uhr und vertrieben uns die Zeit bis dahin in Virginia City. Obwohl besser ausgedrückt: „Huch, wir haben ja schon Zehn vor Eins, wir müssen unseren Zug kriegen!“

Der Besitzer hat abends geschlossen und einfach nie wieder geöffnet!

Die Zeit in Virginia City verging unglaublich schnell – die Hauptstraße besteht tatsächlich fast ausschließlich aus uralten, teils windschiefen Holzhäusern von Damals. Der Großteil der Häuser präsentieren sich museal und kann ein Stück weit betreten werden. Sie sind authentisch wie damals eingerichtet – ein Bekleidungsgeschäft ist sogar vollständig so erhalten geblieben wie es am Tag der Geschäftsaufgabe 1945 verlassen wurde! Eine echte Zeitkapsel also!

 

 

 

 

Virginia City war einfach wunderschön- man ging über die alten, von Sonne und Regen ausgemergelten Holzbalken-Bürgersteige und konnte in den liebevoll eingerichteten Räumen eine Momentaufnahme einer längst vergangenen Zeit erleben. Und in einigen Häusern gab es dann verträumte Trödelgeschäfte, eine Eisdiele mit frischgebackenen Waffelhörnchen oder ein Automatenmuseum mit Wahrsage-, Bewegtbilder- oder Musikbox- Automaten der damaligen Zeit (für den Wahrsageautomaten im Video links neben der Musikbox, so erzählte uns der Eigentümer, hatte ihm kein Geringer als Magier David Copperfield persönlich über eine Millionen Dollar geboten).

 

Zu schnell war die „Wartezeit“ auf die Zugfahrt rum, also entschieden wir, im Anschluss an den Nevada City-Besuch noch etwas mehr Zeit in Virginia City zu verbringen.

Pünktlich wie die Deutsche Bundebahn verließen wir in den offenen 8-Personen-Waggons Virginia City, um mit der berauschenden Geschwindigkeit von etwa 15km/h in Richtung Nevada City zu reisen.
Wie bereits oben geschrieben war dieser Ort zu Zeiten des Goldrauschs wesentlicher Dreh- und Angelpunkt: Nachdem das erste Nugget gefunden worden war, machten sich innerhalb weniger Wochen mehr als 10.000 Glücksjäger auf den Weg in dieses verschlafene Nest.
Anfang der 1950er begannen die Eheleute Bovey, verlassene Häuser für die Nachwelt zu erhalten und brachten diese nach Nevada City. Ja, ihr habt richtig gelesen: die Häuser wurden, teilweise Holzbalken für Holzbalken, an anderer Stelle demontiert und in Nevada City wieder aufgebaut. Nicht wenige der Gebäude sind mit zeitgenössischem Equipment ausgestattet – ein doppelstöckiges Wohnhaus ist sogar vollständig möbliert und kann begangen werden. Inzwischen hat auch der Staat diesen Ort als Erhaltungserbe anerkannt und trägt entsprechend dazu bei.

Für den Aufenthalt in Nevada City hielt die Zugticket-Verkäuferin eine Stunde für mehr als ausreichend – eine totale Fehleinschätzung, wie sich für uns recht schnell herausstellte. Also: nach unserer Rückkehr nach Virginia City und dessen ausgiebiger Erkundung stand ein zweiter Besuch für Nevada City auf dem Programmplan – war ja mit’m Auto direkt um die Ecke!

Da fotografiert die mich einfach, wie ich filme 🙂

Und so wurde mal wieder aus einem geplanten „Naja, zwei Stunden, dann fahren wir weiter“-Besuch ein „Oh, ihr wollt schon schließen?!“- Aufenthalt. Letzteres ist übrigens wirklich passiert: während Nadine und ich völlig alleine durch die Häuser von Nevada City flanierten und uns einfach nicht sattsehen konnten, kam uns plötzlich die Frau vom Haupteingang mit einem riesen Schlüsselbund entgegen, die die Tore bereits geschlossen hatte und nun die einzelnen Gebäude zuschließen wollte. „Oh, ich habe euch zwei total vergessen! Ich lasse euch eben raus!“

 

 

Fazit des Tages: einfach traumhaft! Absolute Empfehlung – auch für das sündhaft leckere Eis! Besonders schön ist, dass beide Städte nicht so hoffnungslos überlaufen und mit Ramsch-Souvenirläden zugepflastert sind wie z.B. Deadwood! Hier ist alles etwas kleiner, gemütlicher und dadurch einfach viel „echter“.

Und beinahe wäre ich in dem Raritätenladen schwach geworden und hätte ein aus altem Holz und Stacheldraht gearbeitetes Bild der amerikanischen Flagge gekauft. Leider war dieses recht massiv und somit sehr schwer – das hätte vermutlich die Gewichtsgrenze des Koffers beim Rückflug arg gesprengt.
Inzwischen bereue ich es aber sehr, das Bild nicht doch gekauft zu haben. Einfach nur großartig gemacht- der Stacheldraht im Rahmen stammte von 1877!

 

 

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